Curt: 07/08-2017

Die mysteriöse Installation Hundun von Judith Egger

In der chinesischen Mythologie taucht eine Art Chaosmaterie auf, genannt »Hundun«, was so viel heißt wie »Das Gestaltlose«. Es steht für das urzeitliche Chaos, einen Zustand der Formlosigkeit, in der die Dinge noch nicht voneinander getrennt oder zu unterscheiden sind. Eines Tages wollen die Herren der Süd- und Nordmeere ihm seine stets kniggetaugliche Gastfreundschaft danken und schlagen ihm Folgendes vor: »Alle Menschen verfügen über sieben Körperöffnungen – für Hören, Sehen, Atmen und Essen –, aber Du hast keine einzige Öffnung. Also wollen wir Dir welche zufügen.« Hundun hat das nicht hören können und weder ja noch nein gesagt. Und so bohren die Herren der Meere jeden Tag eine Öffnung in Hundun hinein. Am siebten Tag aber, als sie die letzte Öffnung gebohrt haben, verstirbt Hundun.

Rund 2000 Jahre später nimmt sich Judith Egger (*1973) dieser mysteriösen Geschichte an. Überhaupt befasst sich die in München lebende Künstlerin gerne mit derlei Ungewissheiten, die wie im Fall von Hundun um Fragen nach dem Ursprung des Lebens kreisen. Ihren Arbeiten sieht man dieses Interesse an. Sie sind spielerisch, experimentell, disziplinübergreifend und schauen oft selbst aus wie eine naturwissenschaftliche Untersuchung. Mit der vielgestaltigen Installation »Hundun« hat sie jenem vorweltlichen und vormenschlichen Urzustand eine Form gegeben – mehr noch: Judith Egger inszeniert dieses Mysterium und zieht die Betrachter in seinen Bann. In dem abgedunkelten Ausstellungsraum hängt ein sechs Meter langes Ding von der Decke. Das spärliche Licht von ein paar Spots lässt die in gedeckten Erdtönen gehaltene Oberfläche wie eine fremdartige Landschaft erscheinen. Egger hat das Urzeitvieh aus diversen Materialien gebaut und auch mit Kratern und Öffnungen versehen. Aus seinem Innern dringen seltsame Töne und Geräusche. Um es herum sind einige Monitore verteilt. Sie zeigen Ultraschallbilder und Kamerafahrten ins Innere von »Hundun«. Als Betrachter wird man in eine bühnenreife Inszenierung und zugleich undefinierbare Laborsituation versetzt, die einen unablässig um den Hauptprotagonisten kreisen lässt, weil es schlicht keinen Punkt gibt, von dem aus man alles überblicken könnte. Das wiederum weist auf den Kern dessen, wofür Hundun steht. Und Judith Egger lässt uns im Dunkeln darüber, ob diese raumfüllende Materie das echte urzeitliche Hundun ist, was sie nun in dieser wissenschaftlich und gleichzeitig rituell anmutenden Hege am Leben erhält. Kindern unter 12 Jahren kann der Aufenthalt in dem Raum den Satz entlocken: »Ich möchte lieber wieder gehen.«
Ich fühlte mich ein wenig in die dunklen Gänge des Exotariums im Frankfurter Zoo zurückversetzt, wo in jedem der in die Wand eingelassenen und dämmriges Licht getauchten Kästen ein anderes urzeitliches Wesen zu hausen scheint – zum Greifen nach und doch für immer unergründbar.

Mit dieser Ausstellung startet das Institut für moderne Kunst Nürnberg sein Projekt »Aus Gründen«, mit dem es sein 50-jähriges Bestehen feiert. Das Institut beherbergt seit seiner Gründung im Jahr 1967 ein einzigartiges und stets anwachsendes Archiv zur Gegenwartskunst, bestehend aus Publikationen, Presseberichten und anderen Materialien. Weitere Aktivitäten zur Erforschung und Vermittlung von Gegenwartskunst finden u.a. im Rahmen von Ausstellungen statt.

Natalie de Ligt

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