Nürnberger Nachrichten: 03.07.2017

Dem Fließenden und Flüchtigen auf der Spur

Zum 50-jährigen Bestehen des Instituts für moderne Kunst: Fotokünstlerin Jenny Schäfer stellt im zumikon aus

Eine entschiedene Stellungnahme gegen den fotografischen Illusionismus sind die Arbeiten der Hamburger Foto-Künstlerin Jenny Schäfer, die das Institut für moderne Kunst im zumikon zeigt.

In den Jahren 1928/29 malte der belgische Surrealist René Magritte sein heute weltweit berühmtestes Bild. Zu sehen ist die plakative Darstellung einer banalen Tabakpfeife. Darunter hat der Maler fein säuberlich auf die Leinwand geschrieben: »Ceci n’est pas une pipe« (Das ist KEINE Pfeife). Fast neun Jahrzehnte später ist das immer noch ein Thema. Auch Jenny Schäfer, Jahrgang 1985, verneint per Bildunterschrift alle vermeintlich offensichtlichen Inhalte ihrer Farbfotografien. »No home«, »no heaven«, »no moon«, steht in goldgeprägten Buchstaben unter sorgfältig bearbeiteten Bildern eines gutbürgerlichen Wohnzimmers, eines wolkigen Himmels und einer blassen Mondsichel.
Die Botschaft ist klar: Ein Bild ist ein Bild, ist zunächst nichts weiter als gestalterische Flachware. Alles andere ist alles andere. Was ein Bild reflektiert, ist allenfalls von feinstofflicher Art und hat nur sehr bedingt etwas mit dem real existierenden Bildmotiv zu tun. So definiert Jenny Schäfer zum Beispiel ihr reges künstlerisches Interesse an Höhlen und Grotten aller Art als Ausdruck ihrer »ängstlichen« Wesensart und ihrer anhaltenden Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit.
Von Schäfers Träumen und Hoffnungen, von ihrem intensiven Nachdenken über das Vergängliche und das Bleibende zeugt ihre bildnerische Vorliebe für allerlei symbolträchtige Darstellungen des Fließenden und Flüchtigen, des Ruinösen und Verwitterten. Diese fotografischen Dokumente der Zeitlichkeit kombiniert die Künstlerin gerne mit kleinen Artefakten, die fassbar Dauerhaftigkeit beweisen. Unter einem schattenhaften Bild, das allenfalls einen Augenblick subjektiven Erlebens festzuhalten versucht, sind da materiell höchst solide Fundstücke (etwa ein hübsch marmorierter Kieselstein) an der Galeriewand befestigt.
Jenny Schäfers demonstrative Distanzierung von der Bild-Illusion ist andererseits ein Bekenntnis zum Bild als Mittel individueller Weltaneignung. Für das menschliche Denken und Fühlen sind Bilder in den unterschiedlichsten Formen eine unabdingbare Voraussetzung. Nur mit der Hilfe von Bildern gelingt uns eine persönliche Verortung in dieser ungemein komplexen Welt, die uns umgibt. Damit ist die Funktion des Bildes dann allerdings auch erschöpft. Ob uns die Welt letztlich Heimat ist oder Horror, ob das Leben gelingt oder nicht, das ist eben nicht (nur) von unseren Wünschen und Vorstellungen abhängig.
Die aktuelle Ausstellung im zumikon ist ein Projekt im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Aus Gründen« anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Nürnberger Instituts für moderne Kunst. Ein erklärtes Ziel der Gesamtaktion ist es, »berechtigte Zweifel« an vielen traditionellen und zeitgenössischen Positionen in der Kunstpraxis und Kunstvermittlung zu wecken. Im vorliegenden Fall ist das sicher gelungen.

Bernd Zachow

Zurück zu: alle Ausstellungen