Nürnberger Nachrichten: 25.04.2017

Rein in den Raubtierzwinger

Zwischen Schutzraum und Gefängnis: Eine sehenswerte Ausstellung im zumikon

Dass geistig und materiell ummauerte Lebensräume ein Gefühl von Schutz vermitteln können, manchmal aber auch als Gefängnis empfunden werden, veranschaulicht eine vom Institut für moderne Kunst kuratierte Ausstellung im zumikon.

Michael Hakimi, seit 2011 Professor für Freie Kunst mit dem Schwerpunkt Malerei an der Nürnberger Kunstakademie, sowie das Studentinnen-Duo Alexandra Hojenski und Julia Liedel zeigen Bilder und eine ausgedehnte Raum-Installation, welche den komplexen Zusammenhang von Ein- und Ausgrenzung beleuchten. Hakimi präsentiert eine Art Tagebuch alltäglicher Erfahrungen in Form von 18 äußerst sorgfältig ausgeführten Bleistift-Zeichnungen. Satirisch überspitzt und leicht surreal verfremdet schildert der Künstler allerlei mehr oder minder spektakuläre Versuche, räumliche, gesellschaftliche und emotionale Mauern zu überwinden.

Da gibt es die Zeichnung eines exklusiv gekleideten jungen Mannes, der mithilfe einer schlichten Brechstange seinem offenbar allzu geordneten, allzu überschaubaren Dasein im goldenen Käfig entrinnen will. Eine andere Strichzeichnung dokumentiert den Befreiungsschlag einer gutbürgerlichen jungen Frau, bei dem ein Laptop als Waffe zum Einsatz kommt.

Noch viel komplizierter und auch letztlich riskanter als der Drang aus einer privilegierten Innenwelt in ein Draußen, in dem vermeintlich nur Freiheit und Abenteuer warten, ist der umgekehrte Weg, der den Wechsel aus der Welt der gesellschaftlichen Outsider in eine rundum gesicherte Insider-Existenz zum Ziel hat. Michael Hakimi dokumentiert die Ochsentour zu den Orten des Drinnen- und Dabeiseins sehr anschaulich. Aus seiner Sicht stößt der Mensch, der nach dem Höheren strebet, an allen offiziellen Grenzübergängen zwischen den Gesellschaftsklassen auf raffinierte Drehkreuze, in denen er sich allzu häufig heillos verfängt.

Fast heimelig

Der Ausstellungsbeitrag der beiden Akademie-Studentinnen Alexandra Hojenski und Julia Liedel bringt einen Aspekt von Michael Hakims Zeichnungen in die dritte Dimension. Die Künstlerinnen haben einen Treppen- und einen Kellerraum in eine beunruhigende Mischung aus getarntem Rückzugsort und Raubtierzwinger verwandelt.

Folgt der Ausstellungsbesucher einer Spur aus gelbem Sand, gelangt er über eine Bodenluke in eine nur schwach beleuchtete Höhle. Die (trotz einiger herumliegender Stahlrohr-Skelette) fast heimelige Atmosphäre wird durch die Präsenz von gitter-,netz- und fallenartigen Objekten empfindlich gestört. Das subtil Beunruhigende der Aufbauten verstärkt eine Klang-Installation aus permanentem Scharren, Klopfen, Jaulen und Knurren. Hojenski und Liedel pflegen einen rundum erfreulich intelligenten Umgang mit vieldeutigen Zeichen und Symbolen. Auf dies Weise kann ihre Kunstpraxis inhaltlich ebenso überzeugen wie formal.

Bernd Zachow

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