Nürnberger Nachrichten: 8.12.2011

Die Welt als Witz und Vorstellung

Es dauert ja bekanntlich immer etwas länger, bis die Franken einen Auswärtigen als einen der ihren akzeptieren. Im Falle von Dan Reeder stimmt das – und stimmt auch nicht. Denn ziemlich schnell wurde Reeder, der das sonnige Kalifornien der Liebe wegen verließ, in der Nürnberger Künstlerkneipe »Gregor Samsa« heimisch und von Kollegen wie Peter Angermann unterstützt.
Aber es hat doch fast ein Vierteljahrhundert gedauert, bis Dan Reeder 2010 mit dem Förderpreis der Stadt Nürnberg ausgezeichnet wurde. Jetzt folgt als weitere Anerkennung eine umfassende Doppelausstellung und ein wunderbares Werkverzeichnis mit dem vielsagenden Titel »Art Pussies Fear This Book«. In der Tat hat Reeder, der auch in seinen Bildern einen subversiven und selbstironischen Witz pflegt, so seine Probleme mit dem etablierten Kunstbetrieb. Dass er eines Tages museumsreif sein würde, hätte er wohl selbst am wenigsten geglaubt.
Im Neuen Museum hängt ein Bild mit der entscheidenden Frage: »Lieber Dan ist Kunst wichtig?« Die Antwort lautet: »Nein. Nur Schwachköpfe denken, dass Kunst wichtig sei. Es ist wichtig, dass du deinen Job behältst.« Dieser Satz verrät eine ganze Menge über das Kunstverständnis von Dan Reeder, der gerne Bild und (englischen) Text kombiniert: Das Understatement ist nicht gespielt, Dan Reeder malt, weil er malen muss, sich selbst nimmt er dabei nicht allzu wichtig.
Scheinbar im Gegensatz dazu steht die Tatsache, dass unter den Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen des 57-Jährigen auffallend viele Selbstporträts sind, nach dem Motto: Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele? Muss man sich Dan Reeder als Kampfbomberpiloten vorstellen oder als glücklichen Hund? Letzteres legt zumindest ein rosa grundiertes Hundebild nahe, dessen Titel lautet: »Self porträt as God intended me to be«. Es ist – zum Glück – anders gekommen und Dan Reeder selbst zum Schöpfer eines wunderlichen Universums geworden. Seine sensible Künstlerseele verbirgt er hinter einem »Nix mehr sensitive«-Selbstporträt mehr schlecht als recht.
Apropos: Der Kunsthistoriker Thomas Heyden hat ein passendes Etikett für Dan Reeders bunte Bilder, die oft an Cartoons und Kinderzeichnungen erinnern, gefunden: Bad paintings. Das entscheidende Kriterium aber dürfte der tiefe Humor sein, der all diese Bilder verbindet. So sarkastisch er im Einzelnen wirkt, so versöhnlich und befreiend ist er doch gemeint.
Dan Reeder streckt den Zumutungen der Wirklichkeit und den Widrigkeiten des Alltags die Zunge heraus und macht sich darüber lustig. Unter der Baseballkappe steckt ein freundlicher Mensch.
Da es bei Reeder nach eigenem Bekunden keine künstlerische Entwicklung gibt, sind die beiden Ausstellungen ein kunterbuntes Durcheinander. Die größten Formate hängen im Neuen Museum, die größere Anzahl ist im zumikon zu finden. Als Katalog dient das erste umfangreiche Werkverzeichnis des Malers, der auch als Musiker bekannt geworden ist.
Auf dem ersten Bild im Katalog ist der düstere »Haupteingang zum Museum für Freude und Humor« zu sehen. Auch wenn man auf diesen Bau vermutlich noch lange warten muss, hat Dan Reeder schon mal für den Inhalt gesorgt. Denn so unterhaltsam, komisch und hintersinnig sind Kunstausstellungen nur selten.

Steffen Radlmaier

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