Abendzeitung, Nürnberg: 8.12.2011
Der doppelte Dan Reeder
Erstaunlich ist eigentlich nur die Frage nach dem »Warum erst jetzt«. Die Frage nach dem »Warum« stellt sich angesichts der fulminanten Doppelausstellung von Dan Reeder im zumikon und im Neuen Museum Nürnberg nicht. Einhundert Werke (80 im zumikon unter dem Titel »I used to be lucid«, 20 im Neuen Museum unter dem Titel »Self porträt ohne Führerschein«) gibt es da von dem amerikanischen Franken zu beschmunzeln und bestaunen – und sind doch nur ein kleiner Ausschnitt des in der Nürnberger Nordstadt heimisch gewordenen Multifunktionskünstlers zwischen lakonischen Popsongs und Malerei. Die in der Stadt mittlerweile gut bekannte Kunst des Dan Reeder zeigt sich hier im Klein- wie im Großformat – und ist in der schier unüberschaubaren Vielfalt beeindruckend.
Seine Werke versteht man sofort. Da ist immer der Funke widerspenstiger Spott-Lust, der in den Bildern steckt, selbsterklärend durch Über- und Untertitelung, die manchmal sogar das Bild komplett verdrängt. Egal ob Dan Reeder philosophische Grundfragen oder seinen privaten Alltag zum Thema hat, immer kommentiert er direkt, was ihn bewegt, erheitert oder ärgert. Das kann saftig-derb sein, wie in dem Pamphlet zur Justiz (und was er davon hält – eine Schimpftirade) oder herrlich ironisch: in einem Selbstporträt hält Reeder zwar ein Buch von Kant in der Hand, denkt aber tatsächlich an Brüste.
»Bad Paintings« ist das Logo, unter dem seine vermeintlich naiven Bilder firmieren. Freilich aber steckt immer mehr in den Werken als auf den ersten Blick sichtbar, wie etwa im »Protestant Bullflight«, in dem ein Cowboy in einer Arena ohne Zuschauer, abgesichert durch einen Krankenwagen, mit einem Gewehr den Bullen erschießt.
Tief ironisch, trocken und lakonisch ist dieser Überblick in den beiden Ausstellungsorten, und wunderbar. Und er kommt – das bringt uns zur Eingangsfrage nach dem Zeitpunkt zur richtigen Zeit: Weil jetzt das erste Dan Reder-Buch fertig geworden ist. Die AZ berichtete über das Projekt, bei dem mittels Reeders Aquarelle das Geld für den Buchdruck zusammengebracht werden sollte. Es hat geklappt. Und das Buch »Art Pussies Fear This Book« mit weit über 100 Bildern und einem sowohl klugen als auch unterhaltsamen Text von Thomas Heyden gibt es jetzt für 28,- Euro zu kaufen.
Martin Mai

