Mario Sala

»203«, Edition Nürnberg
2010 | Kopie auf Bütten, handkoloriert | 14 cm x 21 cm | Auflage: 12 Unikate | nummeriert und signiert | 250,- Euro (150,- Euro für Mitglieder des Instituts)

»Die Hochebene in Guatemala ist als 6 qkm grosse, glatte Tischplatte gelegt, das Testgelände EREMIT für das Jahr 9900. Es ist ein Trainingsgelände aus Hartholzschichten, in das Schicht um Schicht terrassierte Gruben hineingebohrt wurden, damit der kärgliche Weinanbau bei hoher Trockenheit und gleissender Sonne erst möglich wird. Ausser in den Holzlöchern gibt es kaum Schatten. Die verschiedenen Holzarten spenden Nährstoffe für die Weinstöcke. In den tiefergelegenen Teakhöhlen leben die Weinbauern.«

»Der Parkplatz ist eine sanfte Wölbung für 100 Autos. Der Parkwächter befindet sich am Zenith des durchfärbten Betonbogens in der Wächterkabine. Über die Lautsprecheranlage gibt er Anweisungen über die Reihungen und Lösungen der Autos und über welche Dächer die Besucher den Platz verlassen können. Im Wechsel dazu schmettert Lou Christies Falsett über die pombierten Dächer.«

»In der schmalen Küche kann sich Mitte April am späteren Nachmittag eine Kongruenz ergeben. Der Kopf liegt mit dem rechten Ohr auf der elfenbeinfarbenen Tischplatte. Starke Windböen lassen grosse Wassertropfen immer wieder auch in schrägen Tropfenbahnen in schneller Folge die Scheibe hinunterrinnen. Dabei scheinen sie stillzustehen und werden deckungsgleich mit den nass glänzenden Steinen des Kiesberges. »SOS« singt ABBA in Mono mit einem aufwärtsperlenden Orgellauf vor dem Refrain.«

»Das Schlagen der Turmuhr ist nur entfernt zu hören. Dafür steht das gleissende Gold des Zifferblattes vor Augen, trotz der Dunkelheit in den Kellerräumen.«

[verkauft] »Sardanapal ist das 300 m lange Salzlastschiff, das seit bald 70 Jahren durch Salz und Wasser kreuzt. Es wird von den Einwohnern eines kleinen provencalischen Städtchens, das einem Staudammprojekt weichen musste, bereits in der 3. Generation betrieben. Die Einwohner sind von stiller Gemütsart. Ihre gestreiften Zelte stehen zwischen den stahlgrauen Deckaufbauten und den Belüftungsrohren für die Frachträume mit rund 47000 t Fassungsvermögen. An den Salzhalden dieser Hallen findet jedes Jahr das Firmenessen der Einwohner statt. Ehen werden geschlossen, Kinder gleiten die Halden hinunter, jeglicher Zwist endet an den Salzhalden.«

[verkauft] »Das Gitter ist eine Freizeitanlage für die Bauarbeiter des grossen Jangtse-Staudamms. Sie ist 15 m lang, 6 m breit, 12 m hoch und mobil. Ihre Kunststoffwände sind zusammensteckbar. Im Inneren schwebt ein Absperrgittergebinde an Hanfstricken 55 cm über dem Boden, den Raum beinahe füllend. Über dem Gebinde ist im Zentrum des Gitters ein Vogelbauer für gelbe Flussschwalben befestigt. Ein schmaler Steg führt, 2 m ab Boden, um das Gittergebinde. Beim Gehen ergibt der Moiréeffekt der Gitter ein metallisches Fliessen, dazwischen Kleiderfetzen.«

[verkauft] »Jeweils am ersten Montag im Monat um 1000 Uhr begrüsst der Rayonleiter des grossen Kaufhauses mit den farbigen Socken der Angelsachsen die ersten Gäste mit 4 Purzelbäumen vom ersten Stock über die Rolltreppe hinab in den Eingangsbereich mit den Worten: ›Herrenkonfektion 1. Stock.‹«

»An wirklich heissen Tagen, ab 33°C, führt der Hauswart der 159er seine Mitbewohner gerne ganz nach oben, auf das Flachdach. Hier, 12 Schritte vom Anfang des Treppenaufbaus Richtung Westen, ist die Stelle, zu der er schon jeden einzeln geführt hat. Dort dreht er, nach dem Mittag, den Mieter in Richtung Kiesberg und lässt ihn aufblicken, worauf die Lichtreflexe der Öltanks, Blechfassaden und des langen Verkehrsstroms ein explodierendes Feld um und über dem Flachdach erzeugen. Die Lichttherapie des Hauswarts reicht bei einmaliger Anwendung bis tief in den Winter hinein, behebt hartnäckige Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Das Geheimnis seines Erfolges ist das jahrzehntelange Warten und Beobachten auf dem knirschenden Kies des Flachdachs.«

»Das Dreigestirn zur anonymen Präsentation von Geschlechtsteilen aus der Ferne ist gegenüber des hängenden Personalrestaurants in die Betonwand der 12 m hohen Halle des Think Tank eingelassen. Die 3 Öffnungen sind mit einem Durchmesser von je 20 cm, von einem Messingreifen eingefasst. Bordeauxrote Gummitücher bilden eine Blende, die bei der unteren Öffnung durch einen kleinen Gummiring ergänzt werden kann. Das Dreigestirn über dem Indoorgarten steht allen 300 Mitarbeitern zu jeder Tageszeit zur Verfügung.«

»Die Hochebene in Guatemala ist als 6 qkm grosse, glatte Tischplatte gelegt, das Testgelände EREMIT für das Jahr 9900. Es ist ein Trainingsgelände aus Hartholzschichten, in das Schicht um Schicht terrassierte Gruben hineingebohrt wurden, damit der kärgliche Weinanbau bei hoher Trockenheit und gleissender Sonne erst möglich wird. Ausser in den Holzlöchern gibt es kaum Schatten. Die verschiedenen Holzarten spenden Nährstoffe für die Weinstöcke. In den tiefergelegenen Teakhöhlen leben die Weinbauern.«

»Ledergurte wurden durch feine Beträufelung mit Regentropfen und Frucht/WurzelSäuren langlebig und geschmeidig. Die Farm liegt im Mittelwesten in einem regenarmen Gebiet. Wichtig ist das monatelange Spannen und Ziehen der Gurte im trockenen Wind. Der Spannschopf ist ein 3-seitig offener Raum aus Nussbaum, dessen Dach aus 4 m breiten Lamellen und 6 cm breiten Zwischenräumen besteht. 6 Koppellattenreihen sind regelmäßig im Raum verteilt. Diese werden wöchentlich mit dem Saft von Boskoopäpfeln und Roter Beete eingerieben. Gegen Ende eines Regengusses sammeln sich Tropfenreihen an den Unterseiten der Koppellatten. Erst zu diesem Zeitpunkt werden die Gurtenbänder wieder auf die Rollen an der Aussenseite des Spannschopfs gezogen. Die Farmerin kann, indem sie mit den Füssen den geflochtenen Boden am 3. Weidenholz bewegt, die Gurtenbänder von dem Spannschopf ziehen und damit das stetige Tropfen auf die Ledergurte lenken.«

»Der Kühlschrank besteht aus massgeschneiderten Werkstoffen. Die Hülle ist ein faserverstärkter Metall- und Keramikverbund, der bei hoher Temperatur in Form gesintert wurde. Die dabei entstandene Wabenstruktur aus 0,5 mm messenden Keramikkanälen bildet die Fassung für den Kelpbewuchs, der die Seitenwandung überzieht. Der Kelp wird durch vertikale Keramikkanäle fortwährend bewässert. Das Kühlaggregat JANITSCHAR mit dem Brandungsklang hält das Wasser auf 5°C. Ein leichter Geruch nach gerillten Muschelschalen liegt 5 cm über der Aussenhülle. Der Kelp kann wöchentlich zu einem Vinaigrette/Zwiebel-Salat angerichtet werden.«

Mario Sala nimmt mit seinem eigenwilligen und rätselhaften Schaffen einen festen Platz in der Schweizer Gegenwartskunst ein. Sein multimediales Werk zwischen Zeichnung, Malerei, Fotografie, Objektkunst und Installation verweigert sich dem schnellen Zugriff und lädt den Betrachter zum Mit- und Weiterdenken ein.

Für die Mitglieder des Instituts für moderne Kunst hat Mario Sala zwölf Zeichnungen aus dieser Serie handkoloriert und damit sowohl ihren Charakter neu definiert als auch zwölf unverwechselbare Unikate geschaffen.

Salas Zeichnungen aus der Serie »203« bilden ein weit verzweigtes System aus utopischen Situationsbeschreibungen, Projektskizzen und filmartigen Plots, deren Imaginationsimpulse sich erst im Auge bzw. Kopf des Betrachters materialisieren.

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