Nürnberger Zeitung : 5.2.2016

Dada kommt die Kunst im Doppelpack

Im zumikon würdigt eine Ausstellungs-Revue Hugo Balls Künstlerbuch Flametti (…)

Hundert Jahre und ein Buchstaben-Paar: Dada hat als künstlerische Munition viele befeuert. In Nürnberg juckt der Stoff erneut. Die Doppelschau im zumikon stellt sich so mancher Wahrnehmung quer.

Ein Buch, ein Mann und ein Federmesser, auf den Tag genau ist das ein Jahrhundert her. Am 5. Februar 1916 soll der Schriftsteller Hugo Ball spitz in ein französisches Wörterbuch gestochen haben. Er berührte die Vokabel für Steckenpferd: »Dada«. Ein Volltreffer. Und ein Galoppsprung der Kunstgeschichte: Von der Zürcher Spiegelgasse 1 aus, wo sich die Dadaisten-Zentrale Cabaret Voltaire befand, sollte die Sache weltweit Kreise ziehen. Als Kunst, die sich formal der Kunst verweigerte. Als Protestnote der Poesie. Freie Geister sattelten das Steckenpferd – so weit, so wild.

Eine Frau, ein Mann und wieder ein Buch – hundert Jahre später im Nürnberger zumikon. Die Kreativzelle aus Sarah Bogner und Josef Zekoff hat sich im selbst geschaffenen Kleinverlag Harpune Wien erneut Hugo Balls legendärem Dada-Roman »Flametti« von 1918 angenommen. Ein Mordsaufwand für die kostbare Auflage von nur 30 Stück. Eine akribische Arbeit, selbst gesetzt und mit textil genähtem Umschlag. Den Inhalt des Buches, diese illustre Bohème-Story aus dem Kiez des Varietés, kleidete der zeitgenössische Künstler Tal R aus.

Für das Ausstellungsprojekt »Flamingo Flametti« fungiert das Werk nun als fantastische Steilvorlage. Das Nürnberger Institut für moderne Kunst präsentiert die erweiterte Besetzung: Sarah Bogner mit elektronischer Vaudeville-Musik, Josef Zekoff mit Spiegelholzschnitten und Axel Heil mit einer Dada-Collage kommen hinzu, um Tal Rs malerischen und skulpturalen Jahrmarkt der Doppeldeutigkeiten im Engtanz zu flankieren. Dass in den Studioraum nur rund 40 Leute passen, so wie einst ins Cabaret Voltaire, ist ein schönes Schicksal.

Augenfälliges Meisterstück von »Flamingo Flametti« sind Tal Rs flirrende Skulpturen. Räumlich mag man diesem farbigen Gestaltenpark, dessen Protagonisten sich schon mal kettenkarusselgleich um die eigene Achse drehen, womöglich noch ausweichen. Sinnlich ist es fast unmöglich, sich ihrer Wirkung zu entziehen.

Der als Tal Rosenzweig 1967 in Tel Aviv geborene Wahl-Däne Tal R hebt Motive und Gestalten beiderlei Geschlechts auf den Sockel, in kunterbunter, assoziativer Form. Namensfähnchen helfen beim Identifizieren der Romanfiguren. Der Dealer Mehmet ersteht zum Beispiel als kubusförmige Knastarchitektur wieder auf.

Seinerzeit als Seitenhieb auf die Dada-Bewegung entstanden, machen sich Tal R und Konsorten ihren Reim auf das Dandystück voll expressiver Pointen. Sie geben einen Ball der Bälle für Hugo Ball. (…)

Christian Mückl

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