Nürnberger Zeitung : 5.5.2011

Auf den Himmelhund gekommen

Himmelhund – so heißt Sabina Baumanns Ausstellung im zumikon. Als Grund für den Titel gibt sie ihre schönen Erinnerungen an die gleichnamige Schweizer Band an, die während der 80er Jahre die Zürcher Frauenszene mit Tönen begleitete. Künstlerin, die Baumann nun mal ist, hat sie dazu einen schwebenden Vierbeiner in einer ihrer feinen Bleistiftzeichnungen verewigt. Überhaupt benennt das Tier als Hybridwesen zwischen Drache und Hund den Knackpunkt ihrer Schau: Baumanns Zeichnungen und Tonskulpturen handeln vom Wirrwarr mit der Wirklichkeit. Baumann fungiert als Fachfrau für melancholische Metaphern.

»Die äußere Welt ist doch etwas, das wir uns zusammenreimen«, sagt die Künstlerin, die auf Einladung des Instituts für moderne Kunst im zumikon gastiert. »Ich versuche das Widersprüchliche, also das, was oft nicht reinpasst, doch noch darzustellen.«
So betrachtet könne man von einer »Gleichberechtigung im Gesamtorganischen« sprechen, von dem ihre Bilder erzählen: Mickey Mouse darf im Bleistiftporträt vor einer nächtlichen Kirche auf einen Raumfahrer treffen. Oder ein Möbelstück samt Fernseher hebt pinkelnd ein Bein, während im Hintergrund ein Vulkan explodiert.

Indem Baumann, die in der quirligen eidgenössischen Kreativszene keine Unbekannte mehr ist, Eindrücke aus Medien, Kunstgeschichte und Popkultur sampelt, schafft sie mit dem Bleistift surreale Landschaften. Da ist der Fettwanst vor arabesker Wohnzimmertapete, auf dessen Bauchkugel ein See ruht, während auf seiner wellenartigen Brust ein Inselchen wächst. Oder es hängt eine Elvisfrisur am Ast. Daneben ein Vogelgerippe. Daneben wiederum klopft ein Specht.

Ja, und auch die Aussage der Künstlerin, dass sie »nicht an Geschlechter glaubt« und deshalb die spezifischen Zuordnungen »gerne loswerden würde« fließt mehr oder minder markant in ihre Werke ein: Eine Nase als Vagina. Ein lachendes und ein weinendes Auge. Bei aller Verspieltheit steckt leise Nachdenklichkeit im Detail. So wie auch ihre Wandinstallation aus ungebranntem Ton zwar ohne Titel und dem Vernehmen nach dem Konstruktivisten Malewitsch gewidmet sein mag: Indem Baumann dem Ganzen aber einen »Betrachter« in Form von tönernen Füßen in Lackschuhen gegenüberstellt, erdet sie alle Abstraktion. Als »Utopieruine« beschreibt sie das filigrane Bodenwerk dazu. Wohl wahr: Auch Himmelhunde müssen mal zwischenlanden.

Christian Mückl

Alle Ausstellungen